Herwig Prammer: Hasenjagd, Kapitel II | Hare Hunt, chapter II

Der von den Nationalsozialisten zynisch geprägte Begriff „Mühlviertler Hasenjagd“ bedeutet die gnadenlose Verfolgung von 419 sogenannten K-Häftlingen des Todesblocks 20 im KZ Mauthausen, die in der Nacht zum 2. Februar 1945, bei minus 8 Grad, die Flucht wagten. Einigen schafften aufgrund ihrer Unterernährung und körperlichen Erschöpfung nur wenige Schritte der Freiheit nach Überwindung der Mauer, starben im Schnee oder im Kugelhagel der sofort alarmierten Wache. Alle jene, denen nicht die Flucht in die Wälder gelang und die 75 im Block zurückgebliebenen Kranken, wurden sofort exekutiert. Vorerst gelang über 300 Menschen – überwiegend sowjetische Offiziere – die vorläufige Rettung.

Am Morgen rief die SS-Lagerleitung die sogenannte „Treibjagd“ aus, an der sich neben SS und SA, auch die Gendarmerie, Feuerwehr, Wehrmacht, der Volkssturm und die Hitler-Jugend beteiligte und auch die Zivilbevölkerung regen Anteil nahm. …

The term „Mühlviertler Hasenjagd“ – „Mühlviertel Hare Hunt“, cynically coined by the nazis, refers to the merciless persecution of 419 so-called K-prisoners of Death Block 20 in the Mauthausen concentration camp who dared to escape in the night of February 2, 1945, at minus 8°C (17°F). Due to their malnutrition and physical exhaustion, some only managed a few steps to freedom after overcoming the wall, dying in the snow or in a hail of bullets from the guards who were immediately alerted. All those who did not manage to escape into the woods and the 75 sick people who remained in the block were executed immediately. For the time being, more than 300 people – mostly Soviet officers – managed a temporary rescue.

In the morning, the SS camp administration called for a so-called „Treibjagd“ (drift hunting), in which not only the SS and SA, but also local organisations of gendarmerie, fire brigade, Wehrmacht, Volkssturm and Hitler Youth participated, and in which the civilian population also took an active part….

 

Hasenjagd, Kapitel I

Herwig Prammer: Mühlviertler Hasenjagd

 

Hasenjagd, Kapitel II, 2020 / 21

 

 

Wenn der Schnee mit seinem unschuldigen Weiß die Landschaft in scheinbar unendliche Weiten verwandelt, die Stille des Winters in der Natur gewahr wird und sie sich auf wenige Farbtöne reduziert, sich nur noch wenige Halme sanft in der klirrenden Kälte und dem eisigen Wind wiegen, verändert sich der Blick auf einen Landstrich, dessen Atmosphäre und Anschein scheinbar. Aber wenn die Erinnerungen präsent sind, wird die Ruhe des Winters und seinem Stillstand der Zeit auch zu einer Konfrontation mit den kindlichen Wahrnehmungen des Künstlers.

When the snow with its innocent whiteness transforms the landscape into seemingly endless expanses, when the stillness of winter becomes apparent in nature, reduced to a few shades of colour, when only a few stalks gently sway in the biting cold and the icy wind, the view of a stretch of land, its atmosphere and appearance imaginarily changes. But when the memories are present, the calm of winter and its standstill of time also becomes a confrontation with the artist’s childlike perceptions. 

 

 

Herwig Prammer schlägt in seiner Serie „Hasenjagd“ das zweite Kapitel auf und reflektiert die unmittelbarsten Orte seines heranwachsenden Lebens in Detailansichten des Bauernhofes und dessen enger Umgebung, porträtiert die Landschaften des unteren Mühlviertels und erzählt von der besonderen Stimmung dieser winterlichen, ruhigen Landschaft. Und doch deckt der Schnee nur in seiner weißen Unschuld vieles zu und die Vergangenheit bleibt trotzdem präsent. Nicht nur der Gedanke an die Flüchtlinge, die im Februar 1945 in der eisigen Kälte, um ihr Leben fürchteten und gnadenlos gejagt wurden, sondern auch eine persönliche Rückkehr in die Zeit der Sprachlosigkeit seiner Kindheit und das Herunterbrechen auf die elementarsten Dinge, verdeutlichen die Fotografien.

Herwig Prammer opens the second chapter in his series „Hasenjagd“ (Hare Hunt) and reflects the most immediate places of his growing up life in detailed views of the farm and its close surroundings, portrays the landscapes of the Lower Mühlviertel and tells of the special mood of this wintry, quiet landscape. And yet the snow only covers up much in its white innocence, and the past nevertheless remains present. Not only the thought of the refugees who feared for their lives in the icy cold and were mercilessly hunted down in February 1945, but also a personal return to the time of speechlessness of his childhood and the breaking down to the most elementary things are made clear in the photographs.

 

 

In diesem zweiten Kapitel der „Hasenjagd“ schließt Herwig Prammer den Kreis mit der Herangehensweise vieler seiner Materialbilder der Werkserie „Übergänge“. In beiden Fällen bedeckt das Weiß die tieferliegenden Schichten, die erst mit Abkratzungen und Ritzungen marginal an die Oberfläche dringen und das Darunterliegende vermuten lassen. Für die Materialbilder der Serie „Übergänge“ erarbeitet Herwig Prammer in langen Prozessen die Haptik, indem er Elementares wie Sand, Erde, Stroh, Pigmente und Öl immer wieder auf den Bildträger aufbringt und abnimmt. Die Spuren der einzelnen Arbeitsschritte lassen sich oft nur erahnen und bedingen ein genaues Betrachten. Nur ein einfacher, kurzer Blick kann die Tragweite nicht erfassen, sondern ein genaues Schauen wird gefordert und lässt die Bilder als unwirkliche, weiße Landschaften erscheinen. Ähnliches setzen die Fotografien des zweiten Kapitels voraus: Erst ein ausführliches Eingehen auf die Bilder lassen das nur im ersten Augenblick oberflächliche Betrachten einer schönen Landschaft und Hauses hinter sich, um zu einem tiefer gehenden Auseinandersetzen mit einer geschilderten Erinnerung zu werden.

In this second chapter of „Hasenjagd“, Herwig Prammer closes the circle with the approach of many of his material paintings in the work series „Transitions“. In both cases, the white covers the deeper layers, which only marginally penetrate to the surface with scrapings and scratchings and suggest what lies beneath. For these material paintings of the series „Transitions“, Herwig Prammer works out the haptics in long lasting processes by repeatedly applying and removing elementary materials such as sand, earth, straw, pigments and oil onto the background medium. The traces of the individual work steps can often only be guessed at and require close observation. Only a simple, brief glance cannot grasp the scope, a close look is required and makes the pictures appear as unreal, white landscapes.

The photographs of the second chapter presuppose something similar: only a detailed examination of the pictures can leave behind the only superficial observation of a beautiful landscape and house in the first moment, in order to become a more profound confrontation with a described memory.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Homepage: www.prammer.com

(Text: Gabriele Baumgartner)

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