Katya Dimova: Climbing mountains (1000 fabric marbles)

Sonntag. 12:23.

Peter ist mit den Kindern Luft schnappen gegangen. Ich habe einen Reis in den Reiskocher gestellt und die Tür in meinem Arbeitszimmer von innen zugemacht.

Die Wintersonne strahlt fidel ins Zimmer hinein. Die prächtigen Äste des Götterbaumes tanzen dynamisch im Wind vor dem Fenster.

Das Loslassen war dieses Mal etwas bitterlich. Die Stoffmurmeln haben mich die letzten  21 Monate begleitet. Ein Bällchen noch und ich habe die 1000 erreicht!

In der Arbeit mit Textilien geht es mir in erster Linie um die taktile Wahrnehmung und körperliche Wärme, die das Material übernehmen und weitergeben kann.

In den letzten zwei Jahren komme ich (wie auch viele andere) oft auf Gedanken über die soziale Distanzierung  in unserer Zeit. Über die, zwischen Freunden und Familie entstandene Ferne, Angst und radikale  Meinungsunterschiede.

Die meisten Baumwollstoffe woraus die Bällchen entstanden sind habe ich von verschiedenen Menschen bekommen. Diese Textilien waren einmal Tischdecken, Bettwäsche, Vorhänge oder T-Shirts und sie tragen die Geschichten all dieser Menschen mit sich. Sie berichten von Liebe und Not, Freude und Trauer, und übertragen die Wärme, die sie von vergangenen Berührungen gesammelt haben.

Während meines Studiums in Tokio, besuchte ich zwei Mal wöchentlich einen Japanischkurs an der Uni.
Ein Mädchen aus Taiwan, das gut japanisch sprach, zwei Mädchen aus Finnland – sie hatten gute Basics und ich waren die Auslandsstudentinnen der Joshibi University im Sommersemester 2012. Ich konnte auf Japanisch Grüßen und mit dem Kopf nicken – das war es.
Beim ersten Unterricht, teilte unsere Nihongo Sensei die Lehrbücher aus. Es gab zwei Skript Möglichkeiten – Japanisch mit lateinischen Buchstaben zu lernen oder ein zweites Skript in Hiragana, Katakana und Kanji gehalten.
Die Lehrerin fragte jede einzelne von uns nach den Präferenzen. Als ich an der Reihe war sagte ich:

“i would like to lern the japanise Alphabeths, please.”
“Are you sure Katoya San?” – * Katoya San, war mein japanischer Name in der Uni. Für meine Freunde außerhalb der Uni hieß ich Kacha oder Kacha San.

Baba Sensei – der Professor in der Druckgrafik klasse und seine Assistenten meinten – Kacha San käme nicht in Frage, denn Kacha konnte auch „Mutter“ auf japanisch bedeuten. Also nannten sie mich Katoya (San).
“If i decide to klimb a mounten and give my self low expectations, i will never be able to reach the top of it, wont I? The higher expectations I have of myself, the more I can achieve.”
…”I like your worldview” hat sie gesagt und hat mir das Skript mit den japanischen Schriften lachend in die Hand gedrückt.

Gleichartig war der Impuls beim Wunsch, aus den Stoffmurmeln 1000 Stück, händisch anzufertigen.

 

Vier Stückchen Baumwolle, welche Ausschnitt an vier Blütenblätter erinnern können, werden aneinander geflickt. Eines von den vier „Blütenblätter“ trägt die bestickten Initialen KD. Alle vier Teile werden an einander genäht bis sie sich in die Form eines Bällchens vereinheitlicht haben. Die individuelle Stärke und Oberfläche der Stoffe, die Laufrichtung der Baumwolle, die Stärke der Füllung, die Handarbeit die von vielen Elementen beeinflusst werden kann, machen jede Stoffmurmel zum Unikat.

Die Qualität der Handarbeit lässt sich von diversen Komponenten beeinflussen. Zum Beispiel die Transformation des Materials, die Auswirkungen des physischen und psychischen Zustandes, welche sich auf die Bewegungen des Körpers projizieren können. All die Handlungen bilden die Persönlichkeit der Handarbeit.

Aus dem reinen Bedürfnis das Denken abstellen zu können und mich um meine mentale Gesundheit selbst zu kümmern, begann am 27.03.2020 das Entstehen den 1000 Stoffmurmeln. Nun!

… hattet ihr manchmal auf dem Weg zum Gipfel Momente der Schwäche wo es „nicht mehr geht”…? Ihr geht auf alle vier und „das Ziel” scheint unerreichbar?
Nein, so schlimm war das mit den Bällchen eigentlich nie. Es war mir sehr wichtig den meditativen Prozess genießen zu können ohne Fristen einhalten zu müssen. Während dieser Zeit habe ich an viele andere Projekte gearbeitet. Trotzdem kam hin und wieder der Zweifel, ob ich das schaffen werde, was ich mir vorgenommen habe. Beim 200- 300sten Bällchen waren ziemlich kritische Momente dabei.

Das verwenden nicht mehr gebrauchter Materialien ist nicht nur aus ökologischer Sicht ein Schwerpunkt  meiner Arbeit. Die Ereignisse, der Werdegang, welche sie mitbringen, vergüten zusätzlich meine Arbeit.

Viele Erinnerungen der Vergangenheit sind in den 1000 Stoffmurmeln vereinigt. Damit möchte ich Dinge wie die Vergänglichkeit, Endlichkeit und der Wandel in Frage stellen.

Fotocredit: Jana Madzigon

 

 

Im Rahmen der Ausstellung ALLEGORIE(N), ist ein Teil der Installation so wie andere Arbeiten von Katya Dimova aktuell bis 1.04.2022 zu sehen.
Ecoart
Palais Niederösterreich, 1.Stock
Herrengasse 13, 1010 Wien

Mit Werken von Ruth Brauner, Katya Dimova, Doroteya Petrova und J.F. Sochek. Kuratiert von Judith P- Fischer
Mo bis Do 9:00 bis 15:00 und Fr von 9:00 bis 12:00
Telefonische Anmeldung erforderlich unter +43 1 533 1893-0
Es gilt die 2G Regel.

 

Homepage  http://www.katyadimova.com/

 

post by April 2021

Katya Dimova: 1000 Stoffmurmeln | 1,000 fabric marbles

Katya Dimova: Das Herbarium – eine Passion zwischen Wissenschaft und Kunst