Gerlinde Wurth: Auf den Punkt gekommen | Getting to the „point“

1933 in Wien (Breitensee) geboren, malte sie als Kind erste naturgetreue Bilder. Prägend für ihr späteres ästhetische Empfinden und ihre Liebe zur modernen Musik war die Bürolehre beim Klavierfabrikanten Hoffmann & Cerny. Ihr Arbeitsplatz befand sich unterhalb jenes Raumes, der für das Stimmen der Klaviere verwendet wurde. Gerlinde Wurth liebte das monotone Anschlagen der Tasten und des damit entstehenden gleichförmigen Rhythmus.

Born in Vienna (Breitensee) in 1933, she painted her first naturalistic pictures as a child. Her later aesthetic sensibility and her love of modern music were shaped by her office apprenticeship at the piano manufacturer Hoffmann & Cerny. Her workplace was below the room used for tuning the pianos. Gerlinde Wurth loved the monotonous striking of the keys and the resulting uniform rhythm.

In der künstlerischen Volkshochschule belegte sie zunächst kurz einen Kurs für Bildhauerei und später intensiver auch einen für Aktzeichnen. Paul Meissner, der Kursleiter der Aktklasse, brachte ihr auch die Malerei mit Kunstharz näher. Erste, oft stark farbige abstrakte Kompositionen entstanden. Gerlinde Wurth besann sich auf ihre Kindheitserinnerungen, als sie gemeinsam mit ihrem gleichaltrigen Cousin Walter Loub (später Mikrobiologe) im Mikroskop Algen betrachtete und sich die einzelnen Zellen herauskristallisierten. Die Form dieser Zelle übersetzte sie nun in Farben und ließ sie in Farbengebilde abstrahieren.

At the adult education centre for the arts, she first briefly took a course in sculpture and later, more intensively, one in nude drawing. Paul Meissner, the course leader of the nude class, also introduced her to painting with synthetic resin. The first, often strongly coloured abstract compositions were created. Gerlinde Wurth recalled her childhood memories when, together with her cousin Walter Loub (later a microbiologist) of the same age, she looked at algae under a microscope and the individual cells crystallised out. She now translated the shape of this cell into colours and had them abstracted into colour formations.

Für vier Jahre übersiedelte sie 1959 nach Schweden und begann im Büro eines Restaurants zu arbeiten. In diesen Jahren entstanden vor allem zahlreiche naturalistische Tuschezeichnungen und starkfarbige, eher abstrahierte Ölkreidearbeiten der nordischen Landschaft. Besonders häufig finden sich Motive des rund um und vor Stockholm gelegene „Skärgarden“ mit seinen fast 30.000 Inseln. In Schweden begann auch Gerlinde Wurths künstlerische Laufbahn, als sie mit einer Mappe in der Hand, in die Gallerie Brinken zu Anna Sjörgren ging und die erste Einzelausstellung schon 1960 folgte.

She moved to Sweden for four years in 1959 and began working in the office of a restaurant. During these years, she mainly produced numerous naturalistic ink drawings and strongly coloured, rather abstracted oil pastel works of the Nordic landscape. Motifs of the „Skärgarden“ with its almost 30,000 islands around and off Stockholm are particularly frequent. Gerlinde Wurth’s artistic career also began in Sweden, when she went to Anna Sjörgren’s gallery Brinken with a portfolio in hand and her first solo exhibition followed as early as 1960.

1964 kehrte Gerlinde Wurth zwar nach Wien zurück, verbrachte aber bis 1973 alle ihre Sommerurlaube in Schweden. Künstlerisch experimentierte sie immer stärker mit den verschiedenen Formen der Abstraktion; auch in der Landschaftsdarstellung, indem sie einzelnen Formen immer mehr mit einfachen Strichen andeutete. Die Werkserie der „Windbilder“ entwickelte sie ausschließlich an den schwedischen Stränden. Verschiedene Farben setzte sie auf das Blatt Papier und der Wind zeichnete seine Spuren.

Although Gerlinde Wurth returned to Vienna in 1964, she spent all her summer holidays in Sweden until 1973. Artistically, she experimented more and more with the various forms of abstraction, also in the depiction of landscapes, by increasingly suggesting individual forms with simple strokes. She developed the series of works called „Windbilder“ exclusively on Swedish beaches. She put different colours on the sheet of paper and the wind drew its traces.

Zu dieser Zeit war in Wien die Kunstszene mehr als überschaubar. Nur wenige Galerien bestritten ein Programm und es gab kaum Möglichkeiten seine Kunst irgendwo anders auszustellen. In der von Robert Schmitt geleiteten Galerie Autodidakt hatten aber auch Künstler ohne akademische Vorbildung die Möglichkeit, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. 1967 widmete die Galerie erstmals Gerlinde Wurths „Zellenbilder“ eine Ausstellung.

At that time, the art scene in Vienna was more than manageable. Only a few galleries had a programme and there were hardly any opportunities to exhibit one’s art elsewhere. However, at the Autodidakt gallery, run by Robert Schmitt, artists without academic training had the opportunity to present themselves to the public. In 1967, the gallery dedicated an exhibition to Gerlinde Wurth’s „Cell Pictures“ for the first time.

In diesem Jahr übersiedelte die Künstlerin in ein Haus in Langenzersdorf. Vorwiegend abstrakte Bilder in den verschiedensten Techniken entstanden. Kurzzeitig kehrte sie aber zur naturalistischeren Darstellung zurück, als sie sich zwischen 1972 – 1974 mit den Malern Karl Anton Fleck, Hans Skribanek, Wilfried Zimmermann und Hans Reiter zum gemeinsamen Aktzeichnen und Arbeiten in der Landschaft rund um Wien traf. Demnach war neben den skizzierten Landschaftsaufnahmen vor allem die Form des menschlichen Körpers bestimmend für die weiteren Werke. In ihren sogenannten „Erdäpfelakten“ abstrahierte sie die Formen oft bis zur Unkenntlichkeit, jedoch finden sich auch sehr sensible, zurückhaltende Aufnahmen. Auch schon wie bei ihren „Zellenbildern“ hatte sie eine Grundform gefunden, an der sie arbeiten konnte.

This year the artist moved into a house in Langenzersdorf. Predominantly abstract paintings in a wide variety of techniques were created. For a short time, however, she returned to more naturalistic representation when she met with the painters Karl Anton Fleck, Hans Skribanek, Wilfried Zimmermann and Hans Reiter between 1972 – 1974 to draw nudes and work together in the landscape around Vienna. Accordingly, in addition to the sketched landscape photographs, it was above all the form of the human body that determined her further works. In her so-called „Erdäpfelakten“ she often abstracted the forms beyond recognition, but there are also very sensitive, restrained photographs. As in her „cell pictures“, she had already found a basic form on which she could work.

Die Beschaffenheit der verschiedensten Materialien interessierte sie schon seit längerem. Bereits in ihren Kunstharzbildern bindete sie immer wieder Kieselsteine in die Farbe und veränderte damit die Struktur. Mitte der 70er Jahre intensivierte sie aber diese Beschäftigung und sie wandte sich dazu, auf Platten oder Papierblätter die verschiedensten Materialen wie Stoffe, Steine oder Sand zu kleben. Die Abkehr von starkfarbigen zu meist in dunklen Tönen oder feinen Nuancen von Schwarz gehaltenen Bildern war vollzogen. Die Farbe war nicht länger mehr das Ausdrucksmittel, sondern sie schaffte nur mehr die Basis für die feinen Strukturen der Materialen. Auch umwickelte sie Steine, Stühle oder Obstkisten mit Schnüren und Seilen und bemalte sie. Immer wieder taucht das Kreuz in diesen Arbeiten auf. Jedoch ist es, im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern nicht religös besetzt, sondern es ist die gleichmässige Form, an die sie sich anhielt.

She had been interested in the texture of different materials for a long time. Already in her resin paintings, she repeatedly bound pebbles into the paint and thus changed the structure. In the mid-1970s, however, she intensified this preoccupation and turned to gluing a wide variety of materials such as fabrics, stones or sand onto plates or sheets of paper. The move away from strongly coloured to mostly dark tones or subtle nuances of black was complete. The colour was no longer the means of expression, but only created the basis for the fine structures of the materials. She also wrapped stones, chairs or fruit crates with strings and ropes and painted them. The cross appears again and again in these works. However, in contrast to many other artists, it does not have a religious connotation, but it is the uniform form to which she adhered.

Einschneidend war abermals ein Umzug. 1978 stand fest, dass ihr Haus in Langenzersdorf dem Straßenbau weichen musste. Bis sie in ihre Wohnung in Wien im Mai 1979 übersiedeln konnte, musste sie alles packen und ihre Malmittel in Kisten verstauen. Nur mehr Papier und wenig Zeichenmittel waren rasch verfügbar. Es hatte sie beeindruckt, wie der befreundete Bildhauer Zbynek Sekal für einen Altar für Vorarlberg einen Kupfernagel nach dem anderen, seriell nebeneinander in das Blech getrieben hatte und ähnlich wie in der Zeit des Klavierstimmens oberhalb ihres Arbeitsplatzes, war es wieder der monotone Rhythmus, der ihr gefiel. So begann sie einen Strich nach dem anderen auf das Papier zu setzen. Ähnlich wie zuvor mit den Materialen begann sie mit den aneinander gereihten Strichen Formen zu bilden. So füllte sie Blatt für Blatt der Skizzenblöcke oder loser Blätter.

Once again, the move was drastic. In 1978 it was clear that her house in Langenzersdorf would have to make way for road construction. Until she could move to her flat in Vienna in May 1979, she had to pack everything and stow her painting materials in boxes. Only more paper and few drawing materials were quickly available. She had been impressed by how the sculptor friend Zbynek Sekal had driven one copper nail after another, serially side by side into the sheet metal for an altar for Vorarlberg and, similar to the time when she was tuning the piano above her workplace, it was again the monotonous rhythm that appealed to her. So she began to put one stroke after the other on the paper. Similar to what she had done before with the materials, she began to form shapes with the strokes strung together. In this way, she filled sheet after sheet of sketch pads or loose sheets.

Als sie schließlich im Mai 1979 in ihrer Wohnung in Wien einzog, fertigte sie nur mehr wenige kleinformatige Materialbilder bis etwa 1980 an. Ab da blieb sie ausschließlich dem Papier und überwiegend dem Tuschstift verhaftet. Die Striche wurden in der ersten Hälfte der 80er Jahre von aneinander gereihten Kästchen abgelöst. Nur kurze Zeit hielt diese Phase an und sie ging über, nur mehr „Unendlichkeitspunkte“ auf das Blatt zu setzen.

When she finally moved into her flat in Vienna in May 1979, she only produced a few small-format material paintings until around 1980. From then on, she remained exclusively attached to paper and predominantly to the ink pencil. In the first half of the 1980s, the strokes were replaced by boxes strung together. This phase lasted only a short time and she switched to putting only „infinity dots“ on the page.

Nach ihrer Ausstellung 1982 zog sich Gerlinde Wurth vom Kunstbetrieb völlig zurück und konnte erst 2003 von einem befreundeten Sammler überredet werden, wieder an einer Gruppenausstellung teilzunehmen.

After her exhibition in 1982, Gerlinde Wurth withdrew completely from the art world and was only persuaded by a collector friend to participate in a group exhibition again in 2003.

In den letzten Jahren dringt ihre Leidenschaft für Musik auch in ihren Arbeiten stärker in den Vordergrund, wenn sie die Namen ihrer Lieblingskomponisten auf Blätter bannt. Auch erhielt der Strich wieder Einzug in ihr Werk. Sei es durch Notenlinien oder wie gerade im letzten Jahr in ihren Variationen „Strich-Punkt“. Ihre neuesten Arbeiten  zeigen von ihrer unerschütterlichen Kreativität feine, nuancierte Werke voll stiller Poesie zu schaffen.

In recent years, her passion for music has also come more to the fore in her works, when she captures the names of her favourite composers on sheets of paper. The stroke has also found its way back into her work. Be it through staves or, as just last year, in her variations „stroke-dot“. Her latest works show her unwavering creativity in creating fine, nuanced works full of quiet poetry.

(Text: Gabriele Baumgartner)

Mehr Informationen zur Künstlerin: www.kopriva-kunst.com