Eva Gebetsroither: Freiheit (Text)

Hände, überall Hände! Sie ragen aus dem Wasser. Ein klares Blau. Hilfesuchend, hilferingend, sie greifen nach dir, sie schlagen um sich. Sie tasten einander ab, kratzen sich und umschlingen sich.

Das Wasser ist tief. Sie haben keinen Boden unter den Füßen. Das Umherschlagen ist ihr einziger Weg, sich auf der Oberfläche zu halten. Aber es sind viele. Das Wasser gischtet, schlägt Bläschen, das Rot des Blutes der offenen Kratzwunden vermischt sich mit dem Dunkel des Meeres. Es ist wie im Film. Bald wird es mucksmäuschenstill. Die Hände ziehen sich zurück, ihre Konturen verschwimmen. Nur die leichte Inkanatur lässt sich unter dem Wasser, dem Weiß und dem Blau, erkennen. Sie versinken im Meer. Sie werden zu Erinnerungen. Es ist ein bedrückendes Bild. Die Hände, die zum Himmel greifen, nach Halt suchen und gleichsam schweben. Ob es Luft oder Waser ist, spielt keine Rolle. Sie schweben zwischen den Kontinenten. Den einen mussten sie verlassen, den anderen durften sie nicht betreten. Sie sind wie Engel. Unscheinbar und durchsichtig. Sie schweben über uns, wie ein Damoklesschwert. Ihre Schicksale haben die bestimmt, die nach Profit gierten, nach Reichtum, Landbesitz und Schätzen raubten. Es waren die Räuber der Seelen.

Schauplatzwechsel. Die Türen des Aufzuges öffnen sich. Mit einem „Bing“ springen sie zur Seite und geben den Blick auf das Innere frei. Ein alter Lift aus den 80igern, etwas spröde, abgenutzt, der Lack bröckelt. Aber er duftet, als ob er gestern erst aufgetragen worden wäre. Daneben das Ziffernblatt. Große, runde Metallscheiben, die die Stockwerke anzeigen. Leuchtend bei Berührung, dumpf und widerspenstig in der Anwendung. Hier sollte der Mord also geschehen sein. Keine roten Flecken, keine Kampfspuren. Ja nicht einmal ein Haar war in diesem Raum zu finden. Der Oberpolizeikommandant stand vor einem Rätsel. Es hatten gerade einmal zwei Personen im Aufzug Platz. Natürlich konnte er sie erwürgt haben, doch es musste dem Portier aufgefallen sein. Offizier Marc spielte mit den Druckknöpfen. Die Spurensicherung war schon längst hier gewesen. Oft, wenn ihm etwas zu viel wurde, begann er sich mit monotonen Bewegungen zu beruhigen. Er drückte den Knopf des 3 Stockes 1 mal, 2 mal 3 mal. Bis sich eine Tür hinter ihm öffnete. Dahinter verbarg sich der Zugang zu einem Zwischenraum, der in das Penthouse des 4. Stockes führte. Ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er musste sich noch in diesem Raum befinden. Da war er sich sicher. Langsam schloss er die Türen des Aufzuges, das sollte die Kripo für ihn erledigen.

Ein paar Schritte weiter, schenkt ein Mann einem jungen Mädchen einen roten Ballon. Das Mädchen und der Mann sind das Besondere dieser Szene. Sie stehen vor einer Mauer, der Gazastreifen, ein langumkämpftes Gebiet im Westjordanland. Es hatte sich jemand die Mühe gemacht, sie dorthin zu stellen, genau an diesen Ort, zu diesem Zeitpunkt. Denn genau als das Mädchen den Luftballon in die Hand nimmt, schlägt eine Bombe hinter ihnen ein. Splitter fliegen, die Luft Schwarz und Gelb. Das Rot verschlingt den Himmel und den Ballon des Mädchens. Die Freiheit hatte für einen kurzen Augenblick gesiegt, bis wieder alles unter Trümmern lag.

Ein weiteres Bild erschließt sich ein paar Meter weiter, Menschenmassen mit Menschenmasken. Horden streifen durch die Stadt. Sie protestieren gegen Maßnahmen, die ihnen helfen sollten. Ein bis dato unbekanntes Virus legt die Welt lahm.

Symbolisch triumphiert über dem Ausgang eine Aufschrift mit dem Wort Freiheit. Weil es uns aus diesem Albtraum erlöst? Aus diesem Raum, aus diesem Geschehen, von diesen Bildnissen, die der menschliche Geist der Realität entnommen hat und neu interpretierte. Mit Pinselstrich und Farbe. Freiheit wie schön diese Buchstaben in deinem Munde klingen und so unendlich weit entfernt für manchen, der sie nicht besitzt. Freiheit kann so vieles für uns bedeuten. Bedeutsam wurde sie für manche erst, als sie ihnen genommen wurde.

(c) Simon pixabay

 

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