Barbara Wetzmair: Klaus Ludwig Kerstinger

In seinem aktuellen Werkzyklus Verzerrte Nostalgie überlagert Klaus Ludwig Kerstinger Momentaufnahmen aus einem längst vergangenen Alltag. Er verzerrt nicht um des Verzerrens Willen, sondern er verschränkt gewisse Sehnsüchte nach heiler Welt mit einer uns bekannten Nostalgie, mit Spots aus der Alltäglichkeit.

In der Malerei von Kerstinger ist eine Leinwand ein Ort, an welchem Widersprüche und Konflikte des Alltagslebens bewusst vor Augen platziert werden. In den Arbeiten sind Ereignisse zu sehen, Vertrautes aus dem familiären Bereich, das durch maskenhafte, nahezu persiflierende Überzeichnung sogleich unheimlich wirkt und nachdenklich stimmt. Formales, rein Visuelles, wird mental oder emotional verknüpft. Es geht um einen Versuch, Gegensätze, die durch die Gegenüberstellung längst vergangener Ereignisse und gegenwärtiger Tatsachen entstehen, zusammenzuführen. Der Künstler beschreitet an dieser Stelle lange, komplexe Wege. Dem Betrachter ist es zugelassen, sich auf eine Zeitreise zu begeben und auf diese Weise mit den Werken in Dialog zu treten, auch um den Weg gedanklich fortzusetzen. So mancher würde sagen, es ist notwendig, sich in damalige Situationen zu versetzen, um diese verstehen zu können. Der Sprachphilosoph Hans Georg Gadamer aber ist der gegenteiligen Meinung. Er sagt, indem wir nicht in dieser Zeit lebten, fehlt uns die Erfahrung. Wir können uns nicht hineinversetzen in die Zeit von damals, aber wir können den Zeitenabstand positiv nutzen, indem wir das Herausragende gewisser Werke erkennen. (Vgl. GADAMER, Hans-Georg, Wahrheit und Methode, Grundzüge der philosophischen Hermeneutik, Tübingen 1960.) Unser Verstehen wird immer zugleich ein Bewusstsein der Mitgehörigkeit zu dieser Welt erhalten. Dem aber entspricht eine Mitzugehörigkeit Kerstingers Werkes zu unserer Welt.

Klaus Ludwig Kerstingers neue Bleistiftarbeiten erweisen sich als zeichnerische Figurationen, in denen symbolische und gegenständliche Ebenen mit einem spontanen und unmittelbaren Duktus verbunden sind. Es werden Inhalte aus dem Alltag entnommen und lassen deren Bedeutungszusammenhänge gesellschaftlicher Machtverhältnisse aufblitzen. Sie vermitteln sich als Bildwelt, die gerade im Kontext einer umfassenden Wirkungsgeschichte menschlicher Existenzen als Individuen in der Gesellschaft mit all ihren Sehnsüchten und Ängsten eine spannende Rezeption erlaubt. Dies wird bestärkt durch das bewusste Brechen räumlicher Grenzen.